Interkulturelle Schule: Entwicklung von Modellversuchen
Interkulturelle Modellversuche in allen Schulstufen sollen ein besonderer Akzent der Schulentwicklung in Bochum werden. Kernelement der interkulturellen Schulentwicklung ist dabei die Förderung der Mehrsprachigkeit von Migrantenkindern mit dem Ziel, auch in der Herkunftssprache eine möglichst hohe Kompetenz zu erreichen.
Antrag
Interkulturelle Modellversuche in allen Schulstufen sollen ein besonderer Akzent der Schulentwicklung in Bochum werden. Kernelement der interkulturellen Schulentwicklung ist dabei die Förderung der Mehrsprachigkeit von Migrantenkindern mit dem Ziel, auch in der Herkunftssprache eine möglichst hohe Kompetenz zu erreichen.
Die Verwaltung wird beauftragt, gemeinsam mit interessierten Schulen ein interkulturelles Förderkonzept von der Grundschule bis zum Abitur zu entwickeln. Erste Planungsschritte dazu sind:
- Werbung an den Schulen zur Entwicklung und Umsetzung von Modellversuchen,
- Basisinformation von Lehrerinnen, Lehrern und Eltern in einem Workshop interkulturelle Schule über vorhandene Erfahrungen mit interkulturellen Konzepten, insbesondere über verschiedene Varianten zweisprachiger Förderung,
- Elternbefragung zum Bedarf mehrsprachiger Schulbildung,
- Bildung einer Projektgruppe Interkulturelle Schule in Bochum.
Begründung:
Der Anteil von Schülerinnen und Schülern aus Migrantenfamilien an Bochumer Schulen steigt ständig. An manchen Bochumer Grundschulen beträgt er mehr als die Hälfte. Der Schulerfolg dieser Kinder bleibt bei allem Förderbemühen deutlich hinter dem der Kinder mit deutscher Muttersprache zurück. Dieser verfestigte Befund internationaler Bildungsvergleiche wird in Bochumer Bildungsstatistiken fortlaufend bestätigt.
Die Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen Nordrhein-Westfalen schlägt in einer Denkschrift vom Januar 2010 vor, die interkulturelle Schule als Regelschule durchzusetzen. Dabei geht sie von folgenden Grundüberlegungen aus:
?Die Maßnahmen, die in den letzten Jahren auf den Weg gebracht worden sind, gehen noch immer davon aus, dass durch einige zusätzliche Maßnahmen (ein wenig zusätzliche Förderung hier und da) alles geregelt werden kann. Der Umgang mit migrationsbedingter Heterogenität wird in der Regel in Zusatzangebote ausgelagert, aber nicht als Aufgabe des Regelunterrichts angesehen, der unangetastet bleibt. Bei den großen Reformen der vergangenen Jahre, die Schule stark verändern, haben die Fragen der migrationsbedingten Heterogenität und Chancengleichheit keine Berücksichtigung als Prüfkriterien gefunden, etwa bei der Einrichtung der Qualitätsanalyse, der Aufhebung der Grundschulbezirke oder den zentralen Prüfungen. Die natürliche Mehrsprachigkeit der Migranten hat noch immer keinen anerkannten, spezifischen Platz in der schulischen Erziehung zur Mehrsprachigkeit. Besonders evident wurde dies bei der Einführung des Faches Englisch ab der ersten Klasse, die ohne Berücksichtigung der gelebten Mehrsprachigkeit in vielen Klassen erfolgte.
Die schlechten Bildungsabschlüsse der Migranten sind nicht die Folgen mangelnder Begabung, eines Desinteresses der Eltern an der Zukunft ihrer Kinder oder des Abschottens in der bequemen ?Parallelgesellschaft?. Die entscheidende Ursache besteht darin, dass viele Kinder eine Schule besuchen, in der sie mit ihren spezifischen Kenntnissen und Problemen gar nicht vorgesehen sind. Der tradierte ?monolinguale Habitus? unserer Schulen, der sich in der Schulstruktur, den Unterrichtsangeboten oder der Berufskultur der Lehrerschaft niederschlägt, und die heterogene Schülerschaft passen nicht zueinander. In der angelsächsischen Diskussion ist dafür der Begriff der ?institutionellen Diskriminierung? geprägt worden. Dieser Begriff soll nicht als individuelle Schuldzuweisung missverstanden werden. Vielmehr beschreibt er das Funktionieren einer Institution und öffnet den Blick auf mögliche Alternativen.
Notwendig ist eine Debatte und öffentliche Auseinandersetzung über die Frage, in welche Richtung die notwendigen Reformen gehen müssen, um endlich die Bildungschancen der Migranten und darüber hinaus aller Kinder und Jugendlichen wirksam zu verbessern.?
Ziel dieses Antrags ist, diese Debatte in Bochum nicht nur auf einer theoretischen Ebene zu fördern, sondern konkrete Schritte zu entwickeln, den Bildungserfolg migrantischer Schülerinnen und Schüler zu verbessern und dabei vor allem die Schulen zu ermuntern, daran mit eigenen Modellen mitzuarbeiten.
Förderung der mitgebrachten Mehrsprachigkeit ist dabei ein strukturelles Kernelement. Die zitierte Denkschrift beschreibt dazu verschiedene Modelle. Mittelfristig erreichbar sollten dabei folgende Ziele sein:
- die Weiterentwicklung des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts in Grundschulen zu einem in den normalen Unterricht integrierten Sprachunterricht in der Muttersprache,
- der bruchlose Übergang dieses Angebots in den Regelunterricht von Sekundarschulen ab Klasse 5,
- ein anspruchsvolles bildungssprachliches Niveau in der Muttersprache in der
Sekundarstufe 2.
Interkulturelle Schulentwicklung braucht politische Impulse, vor allem aber die Reformbereitschaft der Schulen und den förderlichen Druck der Eltern. Zur Mitarbeit besonders herausgefordert ? besonders in der Projektgruppe - sind die Lehrerinnen und Lehrer mit eigener Migrationsgeschichte, die zunehmend zahlreicher in unseren Schulen ankommen. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen und ihre daraus gewachsenen besonderen Kompetenzen sind für den Erfolg interkultureller Schulentwicklung unverzichtbar.
